Grenzen überschreiten

In Deutschland wurden die Corona-Beschränkungen im Mai langsam gelockert und der Notstand in Spanien sollte Mitte des Monats enden. Daher buchten wir am 12. Mai einen Flug für den 02. Juni nach Malaga. Wir freuten uns und hofften, dass alles klappen würde. Wir wollten die Grenzen bis nach Spanien überschreiten.

Pläne zum Aufbruch

Am 15. Mai wurde der Notstand dann doch wieder verlängert und unser Flug prompt gecancelt. Niedergeschlagenheit machte sich in mir breit. Tom und ich diskutierten alle Optionen, wie wir doch zu unserer KIRLANA zurückkehren könnten. Fliegen schien auf absehbare Zeit unmöglich. Wir waren schon im letzten Jahr mit dem Auto nach Almerimar gefahren und obwohl wir das eigentlich nie wieder machen wollten, entschieden wir, es doch zu tun. Es schien uns die einzige Möglichkeit zu sein…

Langsam kroch ich aus meinem emotionalen Loch und begann alle Vorbereitungen zu treffen. Ich hatte in den Wochen vorher keinen Elan, um irgendwas zu bestellen oder zu planen. Nun hatten wir viel zu tun.

Unsere geplante Segelroute konnten wir natürlich vergessen. Der neue Plan war, von Almerimar zügig auf die Balearen zu segeln, um dort schöne ein bis zwei Monate zu verbringen und dann das Boot in Valencia festzumachen. Da wir gerne mit der Haddock segeln wollten, blieben wir mit ihnen im Gespräch. Die Kinder vermissten einander sehr.

Offizielle Aussagen zur Situation an den Grenzen

Wir checkten, wie die Grenzsituationen zu Luxemburg, Frankreich und Spanien waren. Erschreckt entdeckten wir, dass die Grenzen zu Frankreich gar nicht vollständig geöffnet sein sollte. Wir fanden Unterlagen, die man bei der Einreise bei sich tragen sollte. Einmal die Aussage, warum man einreisen will und dann noch eine eidesstattliche Erklärung, dass man keine Covid-19-Symptome hat. Die ließen wir uns vom Arzt unterschreiben. Vielleicht würde uns das auch an der spanischen Grenze helfen, denn die sollte vollkommen geschlossen sein.

Es war tatsächlich nur erlaubt, nach Spanien einzureisen, wenn man in Spanien gemeldet ist, enge Verwandte besuchen will (z.B. Lebenspartner, Kinder), Lieferverkehr und wenn man in Spanien arbeitet. Da wir auf unserem Boot dauernd unterwegs sind und eigentlich auch gar nicht so lange bleiben wollten, haben wir uns nicht in Spanien angemeldet. Wir konnten also nicht offiziell nachweisen, dass unser in Spanien liegendes Boot unser aktueller erster Wohnsitz ist. Ich erkundigte mich sogar bei der spanischen Botschaft, doch selbst die konnten mir nicht sagen, wie unsere Chancen standen. Es hinge von den Beamten an den Grenzen ab, hieß es. Die Reise wurde somit ein ungewisses Abenteuer mit dem Risiko spätestens an der französisch-spanischen Küste umkehren zu müssen.

Tom und ich im Auto, bereit zur Abfahrt
Auf geht’s

Auf geht’s…

Damit Tom die Reise besser mit der Arbeit vereinbaren konnte, wollten wir am 29. Mai losfahren. Ein Zwischenstopp war an der französisch-spanischen Grenze geplant. Und so ging es nach zwei schönen Grillabenden um 5 Uhr los.

Die Fahrt verlief entspannt. Tom und ich sind inzwischen gut geübt darin, uns abzuwechseln. Eine skurrile Begegnung hatten wir an einem Rastplatz im Deutschland. Wir wollten eine Pipi-Pause machen und Tom betrat das Toilettenhaus (ohne Maske). Dort war wohl gerade jemand vom Service am Putzen. Noch bevor Tom das voll realisiert hatte, brüllte der Mann ihn an. Dabei kam er ohne Maske bis auf wenige Zentimeter an Toms Gesicht heran. Er schrie, es sei Corona und Lebensgefahr und Tom solle raus gehen. Als Tom perplex nicht sofort reagierte, schubste ihn der Kerl aus der Tür. Das alles ging blitzschnell. Wir waren sprachlos und der Kerl brüllte weiter, ohne den Sicherheitsabstand einzuhalten. Kopfschüttelnd stiegen wir wieder ins Auto und fuhren zum nächsten Rastplatz. Darauf hatten wir keine Lust.

Picknick auf der Fahrt durch Frankreich
Picknick auf der Fahrt durch Frankreich

Grenzen zu Frankreich

Bis Luxemburg waren wir ansonsten vollkommen entspannt. Die Grenzen waren ja auch offiziell offen, doch die erste bekannte Hürde kam schnell. Gegen 9 Uhr näherten wir uns der französischen Grenze. Was würde passieren?

Nichts! Es passierte gar nichts. Weit und breit waren keine Kontrollposten zu sehen. Die Grenzen sind vollkommen offen und wir fuhren unbehelligt durch die grüne Landschaft bis kurz vor Perpignan.

Bei Perpignan übernahm ich die nächste Etappe. Wir hatten uns dort bei einem AirBnB gemeldet und eine Übernachtung geplant. Während unserer Fahrt durch Frankreich überlegten wir aber, ob es nicht sinnvoller sei, direkt den Grenzübertritt zu wagen.

Gedacht getan…

Tom suchte auf der Karte nach alternativen Grenzübergängen, da wir davon ausgingen, dass es auf der Autobahn am schwierigsten sein würde, die Grenze zu überqueren. Bevor wir abfahren wollten, kam eine Mautstation und dann verpasste ich die Ausfahrt, die wohl direkt an der Mautstation war. Wir fluchten, aber hatten keine andere Wahl, als auf der Autobahn weiter zum Grenzübergang zu fahren. Die Grenze selber war kein Problem, aber kurz danach gibt es eine spanische Mautstation, die von den Spaniern als Grenzstation umfunktioniert wurde.

Grenzen zu Spanien: Versuch Nr.1

Kaum erkannten die Beamten unser deutsches Autokennzeichen, winkten sie uns raus. Wir mussten in einer kurzen Schlange warten und kramten unsere Unterlagen heraus.

Die Pässe, die Unterlagen für Frankreich mit ärztlichem Stempel und ein (englisches) Schreiben vom Hafen, dass unser Boot seit Oktober dort liegt und wir an Bord leben, sowie die dazugehörenden Rechnungen.

Als wir an der Reihe waren, waren wir verdammt aufgeregt. Wir versuchten unsere Situation zu erklären, doch der Beamte war ziemlich genervt und schimpfte auf Spanisch. Insgesamt redete er in extrem schnellem Spanisch und verweigerte Englisch zu reden oder das Schreiben vom Hafen anzusehen. Wir verstehen inzwischen einiges auf Spanisch und können uns weitgehend verständigen. Aber eben nur, wenn unsre Gegenüber gewillt ist, langsam zu sprechen, mal was zu wiederholen und unser Gestammel zu verstehen…

Nach wenigen Minuten war klar, dass wir hier nicht über die Grenze gelassen werden würden. Unfreundlich wurden wir in den U-Turn geschickt und fuhren auf der Autobahn zurück nach Frankreich.

Wir waren ziemlich erschüttert. Die unfreundliche Abweisung gab uns das Gefühl, dass wir es nie über die Grenze schaffen würden. Um unsere Chancen zu erhöhen riefen wir Fumi im Hafen von Almerimar an und baten ihn, uns das Schreiben noch einmal auf Spanisch per Mail zu senden. Glücklicherweise erledigte Fumi dies umgehend und wir luden das Schreiben auf unser iPad. Drucken konnten wir ja nicht…

Grenzposten in Le Pertuis
Grenzposten in Le Pertuis

Grenzen zu Spanien: Versuch Nr.2

Schon etwas müde und verunsichert suchten wir unseren Weg in den kleinen Grenzort Le Pertuis. Dort hatten wir eine „grüne“ Grenze gesehen und hofften, dass nicht alle Grenzpunkte kontrolliert würden. Viele Alternativen gab es nicht, da die Pyrenäen nur wenige Übergänge hat. Vor dem Grenzübergang gab es einen Parkplatz und wir parkten in Sichtweite des Grenzpostens. Gespannt beobachteten wir die Situation. Tom näherte sich zu Fuß dem Übergang und sah, dass sogar Fußgänger kontrolliert wurden. Ohne große Hoffnung entschieden wir es dennoch zu versuchen. Was sollte auch passieren. Letztes Mal hatte man unsere Namen oder das Autokennzeichen nicht notiert und wir könnten es immer wieder versuchen…

Hinweisschild auf Provinz Grenzen
Hinweis auf Provinzgrenzen

Unsicher fuhren wir zur Grenzstation. Ein junger Beamter bat uns freundlich auf Englisch um unsere Ausweise. Dann hörte er unseren Erklärungen zu und las das Schreiben vom Hafen. Er erklärte, dass nur Spanier oder in Spanien gemeldete Menschen einreisen dürften und wollte wissen, warum wir jetzt nicht an Bord seien, wenn wir doch dort wohnen würden. Nach ein paar Erklärungen von uns, besprach er sich mit seinen Kollegen. Dann reichte er uns iPad und Ausweise zurück und erklärte uns ausdrücklich, dass wir aber in Quarantäne gehen müssten. Als wir dies versicherten, winkte er uns über die Grenze. Fassungslos fuhren wir weiter. Wir konnten es kaum glauben und brachen nach einigen Minuten in Jubel aus.

Erleichtert, aber immer noch mit der Angst jederzeit gestoppt werden zu können, fuhren wir ein Stück parallel zu Autobahn. Dann ging es normal weiter. Immer, wenn wir uns einer regionalen Grenze näherten, gab es Hinweisschilder, dass das Überschreiten von Provinzgrenzen nicht gestattet sei. Aber kontrolliert wurde auf der Autobahn nie.

Schriftzug von Almerimar
Ankunft in Almerimar

Weiter nach Almerimar

Wir hatten inzwischen entschieden, bis nach Almerimar durch zu fahren. Das bedeutete insgesamt eine Reise von knapp 2.300km und mehr als 24 Stunden inklusive Pausen. Tom und ich wechselten uns weiter ab und machten zwei Mal eine längere Rast, in der wir beide schliefen. Ansonsten verlief die Fahrt durch Spanien ohne große Vorkommnisse. Gegen 9 Uhr erreichten wir den Hafen. Die erste, die uns begegnete, war Irenka von der Haddock. Wir hatten überraschen wollen. Das war gelungen! Alle freuten sich sehr!

Tom an Bord der KIRLANA
Tom an Bord der KIRLANA

Ankunft an Bord

Dann hieß es wieder einmal an Bord alles klar zu machen. Wir schufteten den ganzen Tag, um alles zu verstauen und frische Lebensmittel einzukaufen. Im Hafen erkundigten wir uns, wie es mit Verlängerungen im Juni laufen würde. Inzwischen war ja schon der 30. Mai und wir hatten nur bis zum 31. gebucht. Alles kein Problem.

Die Kinder und ich vor der KIRLANA
Endlich wieder bei der KIRLANA

In den nächsten zwei Tagen spielten die Kinder wieder glücklich zusammen und wir arbeiteten am Boot. Den Dinghi-Motor hatte ich im März nicht mehr testen können und nun sprang er nicht an. Glücklicherweise fanden wir Hilfe in Pietro, einem polnischen Segler. Nach der Reinigung lief der Motor endlich rund.

Abends machten die Kinder einen Filmabend und wir trafen uns mit vielen bekannten und ein paar neuen Seglern für ein paar Tapas.

Dabei lernten wir Felix von der Wind Pearl kennen. Felix hat mit seiner Frau Marina und ihren beiden Mädchen eine 6-Monate-Auszeit. Die saßen leider zwei Monate davon im Lockdown fest.

Wir waren glücklich, wieder an Bord zu sein, obwohl direkt alles wieder sehr anstrengend war…

Tapas mit alten und neuen Segelbekanntschaften, Gruppenbild
Tapas mit alten und neuen Segelbekanntschaften

Ausblick

Wir verabredeten mit Felix von der Wind Pearl und den Russen von der Naos, dass wir gemeinsam am 02. Juni den Hafen nach fast 8 Monaten verlassen und in die nächste schöne Bucht, im Naturschutzgebiet Cabo de Gata, segeln wollten.
Abhängig vom Wind natürlich…
Die Haddock wollte einen Tag später folgen.

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